Quartalsbericht Herbst 2018

Nicht nur in Deutschland irritiert die Politik. Das könnte ein spannender Herbst werden. Schauen wir mal genauer hin! (Lesezeit 5 Minuten)
Den gesamten Quartalsbericht Herbst 2018 sehen Sie als pdf-Datei hier.

Italien: Erst schwört der italienische Finanzminister Giovanni Tria die Märkte über Wochen hinweg darauf ein, dass Italien ein für die EU akzeptabel niedriges Budgetdefizit für 2019 vorlegen werde, und dann kündigen die Parteichefs Di Maio (Fünf-Sterne-Bewegung) und Salvini (Lega) ein Defizit von 2,4% an. Zur Erinnerung: die Vorgängerregierung hatte 0,8% angepeilt! Was ist daran so wichtig? Nun, offensichtlich weiß der Finanzminister nicht, was die Parteichefs vorhaben. Viel schlimmer aber ist, dass Italien auf einem gewaltigen Schuldenberg von 2,3 Billionen EUR sitzt und diesen Berg auch noch ausbaut. Die Schulden entsprechen 132% der Wirtschaftsleistung—diese Quote ist nach Griechenland die Höchste in ganz Europa. Erlaubt ist nach den Maastricht-Kriterien lediglich eine Quote von 60%, daher ist Italien verpflichtet, seine Schulden langfristig abzubauen und nicht auszuweiten. Dies kann die EU nicht akzeptieren, aber lässt sie den Streit eskalieren? Und was würde eine Eskalation bedeuten? Sicher ist: ökonomische Vernunft weicht wieder einmal populistischem Dilettantismus. Denn mit den neuen Schulden sollen ja nicht Investitionen, sondern hauptsächlich Sozialgeschenke finanziert werden.

Was bedeutet dies für die Anleger?

Die Stimmung bei den ohnehin schon desillusionierten Anlegern in Europa wird sich weiter eintrüben. Auf deutsch: italienische Staatsanleihen werden sich weiter verbilligen, die auf dem Markt selten gewordenen deutschen Staatsanleihen als sicherer Hafen werden teurer und die Renditen der als sicher geltenden Anleihen werden weiter auf sehr niedrigem Niveau verharren. Die entstehenden Unsicherheiten und Spannungen sind dann für die ohnehin schwächelnden europäischen Aktienindizes keine guten Voraussetzungen.

Großbritannien: Theresa May wird weiter (erfolglos) gegen die Befürworter eines harten Brexits ankämpfen müssen, die weiterhin ihre unrealistischen Szenarien als ernsthafte Optionen für einen Brexit verkaufen. Ökonomische Vernunft weicht auch hier populistischem Dilettantismus. Gut möglich, dass der Versuch, sich mit den harten Brexit-Befürwortern zu einigen, Theresa May das politische Amt kosten wird.

Was bedeutet das für die Anleger?

Auf Anlagen in Pfund Sterling, Renten wie Aktien, werden im 4. Quartal harte Zeiten zukommen. Eine Ausstrahlung der Turbulenzen auf Europa ist zu erwarten.

Ist also alles schlecht?

Werfen wir einen Blick in die USA:

Wenn auch nicht in der Politik, so zeigt sich auf den Märkten, Aktien wie Renten, ein freundlicheres Bild als in Europa:

Offensichtlich unbeeindruckt von der politischen Szene normalisiert die FED weiter ihre Zinspolitik. Es ist absehbar, dass nach den bisher schon erfolgten Zinserhöhungen in der ersten Jahreshälfte 2019 die Zielerreichung verkündet wird. Die bisherigen Erhöhungen der Zinsen taten dem Aktienmarkt keinen Abbruch und schafften bis Ende September weiter ein Stück Normalität auf dem so wichtigen amerikanischen Markt.

Dazu eilten die US-amerikanischen Aktien von Allzeithoch zu Allzeithoch. Die Gewinne der US-Firmen—begünstigt durch Trumps Steuerreform und die US-Dollar-Rückführungsamnesie— steigen zur Zeit besonders stark. Dies in einem Umfeld, bei dem die Investoren aufgrund der weltweiten Unsicherheiten immer weniger bereit sind, hohe Risiken einzugehen. An den Aktienmärkten ist das beispielsweise an den gefallenen Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) abzulesen. Seit Jahresbeginn sind diese Bewertungskennzahlen sowohl für US-Aktien als auch für Aktien aus den Schwellenländern deutlich zurückgegangen. Anleger sind risikoaverser und immer weniger bereit, ein historisch hohes Vielfaches des Unternehmensgewinns für Aktien zu zahlen. Darüber, ob ein Aktienmarkt oder ein Aktienmarktsegment in 2018 positiv abschneidet, entscheidet somit die Frage, ob die entsprechenden Gewinne (bzw. Gewinnerwartungen) stärker steigen als die KGVs fallen. Und dies passiert derzeit nur in den

USA. So sind es eben die Aktientitel aus den USA, die den restlichen Markt hinter sich lassen.

Was bedeutet dies für den Anleger?

Die im kommenden Quartal beginnende Berichtssaison wird entscheidend sein. Nur anders als in Europa dominieren derzeit die positiven wirtschaftliche Rahmendaten das Stimmungsbild: eine Arbeitslosenquote von 3,7% (nahe ihres 50-Jahretiefs) bedeutet volkswirtschaftlich gesehen Vollbeschäftigung, parallel steigen die Löhne nur moderat. Allgemein wird erwartet, dass die Aktienkurse an der Wall-Street auf Basis guter Unternehmensberichte steigen werden. Nach der reinen Lehre spricht einiges für eine Fortsetzung der steigenden Kurse. Dagegen steht die steigende Risikoaversion der Investoren, die bei Überraschungen—z.B. aus der Politik— auch zu Rückschlägen im Aktienmarkt führen kann.

Fazit: In Europa erwarten wir weder im Rentenbereich noch bei den Aktien derzeit steigende Kurse. Entscheidend für eine positive Performance wird die Auswahl der Aktien sein. Dazu bewährt sich in diesem Jahr eine breite internationaler Ausrichtung in den Portfolien.

Andreas Enke

 

 

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