Chinas Wachstum und der Aktienaufschwung

Für die laufende Aktienrally sind vor allem die Zinsen und die Unternehmensgewinne verantwortlich. Während die Aussichten für die Zinsen relativ klar zu sein scheinen, steht hinter den Unternehmensgewinnen ein zunehmend größeres Fragezeichen. Und der Einfluss Chinas ist dabei größer, als man vielleicht glaubt.

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Bei den Zinsen scheint die Lage klar. Sowohl die amerikanische Notenbank als auch die Europäische Zentralbank (EZB) haben unmissverständlich angedeutet, weiterhin für ein ausgesprochen niedriges Zinsniveau zu sorgen. Bei der Fed rechnen Anleger mit bis zu vier Senkungen der Leitzinsen, bei der EZB mit unkonventionellen Maßnahmen, weil sich hier an der Zinsschraube eigentlich nichts mehr drehen lässt. Die niedrigen beziehungsweise zu einem großen Teil negativen Zinsen sprechen klar für Aktien.

Bei den Unternehmensgewinnen, dem zweiten wichtigen Treiber der Kurse, sieht das schon etwas differenzierter aus. Klar ist, dass die Firmen in ihrer Gesamtheit nur dann ihre Profite steigern können, wenn die Konjunktur läuft. Und hier gibt es begründete Zweifel. Die USA sind nur noch für rund zehn Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums verantwortlich. Ein wesentlich größerer Teil, nämlich um die 30 Prozent, hängt von China ab.

Offizielle Statistiken zu positiv

Zahlreiche Wissenschaftler meinen, dass die offiziellen Daten in der Volksrepublik systematisch nach oben manipuliert werden. Das hängt maßgeblich mit deren Erhebung zusammen. Die Daten sammeln die lokalen Büros das nationalen Statistikamts NBS. Und hier mischen die Regionalregierungen mit. Sie wollen partout die Zielvorgaben aus Peking erfüllen. Es ist auffällig, dass das Gros der gemeldeten Daten mindestens auf dem Niveau der Planvorgaben oder darüber liegen. Nur selten fallen sie schlechter aus. Das sieht offenbar selbst das NBS so.

Denn bei der Aggregation der lokalen Daten revidiert das nationale Statistikamt regelmäßig diese nach unten. Allerdings fallen die Korrekturen seit der Finanzkrise geringer als früher aus. Unter dem Strich dürften also die Manipulationen der lokalen Daten auch auf die aufsummierten Zahlen durchschlagen.

Es gibt weitere Punkte, die am offiziellen Wirtschaftswachstum Chinas Zweifel wecken. So ist die Genauigkeit der Prognosen auffällig. Die offiziellen Konjunkturzahlen entsprechen immer bis auf nur wenige Zehntel Prozentpunkte den Schätzungen der Partei. Zudem entwickeln sie sich langfristig betrachtet auffallend gleichmäßig in eine Richtung. Seit 2012 ist das Wachstum immer nur um 0,1 bis maximal 0,5 Prozentpunkte rückläufig gewesen. Konjunkturelle Schwankungen wie im Westen oder Japan gibt es in China angeblich nicht.

Fakten sprechen gegen Statistiken

Die offiziellen Daten lassen sich auch mit dem gesunden Menschenverstand hinterfragen. Im laufenden Jahr soll die chinesische Wirtschaft nach den offiziellen Schätzungen um sechs bis 6,5 Prozent wachsen. Im vergangenen Jahr belief sich das Plus auf 6,6 Prozent. Im ersten Halbjahr 2019 sind aber die Verkäufe von Autos um sage und schreibe 16 Prozent eingebrochen. Zwar waren sie bereits im Vorjahr rückläufig. 2018 war das Minus aber mit sechs Prozent sehr viel geringer ausgefallen. Trotzdem soll das Wirtschaftswachstum 2019 nur um 0,1 bis 0,6 Prozentpunkte geringer ausfallen als 2018. Die Zahlen passen einfach nicht zusammen.

Aufgrund dieser Zweifel stellen Konjunkturforscher den offiziellen Wachstums-Statistiken regelmäßig alternative Daten gegenüber wie beispielsweise den Stromverbrauch. Diese Vergleiche deuten meistens darauf hin, dass die Statistiken aus Peking wahrscheinlich zu hoch ausfallen.

Klar ist: Wenn China tatsächlich nicht um sechs, sondern vielleicht nur um vier Prozent wächst, wirkt sich das auch spürbar auf die Weltwirtschaft aus. Die Folge dürften unter anderem niedrigere Unternehmensgewinne sein. Dann könnte auch die Interpretation der niedrigen Zinsen wieder drehen. Noch feiern sie die Anleger als Motor für die Aktienrally. Vielleicht interpretieren sie sie aber schon bald als Schwächezeichen der Konjunktur. Zur Erinnerung: Als die Fed nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2016 mit ihrem Zinserhöhungs-Zyklus begann, wurde das als Zeichen der konjunkturellen Robustheit der USA gewertet. Vielleicht folgen die Anleger schon bald wieder dieser Logik – diesmal nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Sicherheitsnetz einziehen

Das alles muss nicht, kann aber so kommen. Falls Aktien wie im vierten Quartal 2018, als plötzlich Rezessionsängste herrschten, wieder einmal heftig korrigieren, werden sie schnell nicht mehr als „alternativlos“ klassifiziert. Angesichts der Rekordniveaus in den USA und der auch in Europa stark gestiegenen Aktienkurse wird die Luft dünner und der Markt damit anfälliger für auch größere Korrekturen, falls sich die Triebfedern Zins und Unternehmensgewinne nicht wie erwartet entwickeln.

Mark-Uwe Falkenhain, Vorstand

 

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